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Mit dem Fahrrad durch Lateinamerika

Wie es dazu kam
Bruno: Ich fragte mich schon immer, warum gehe ich nicht über eine humanitäre Organisation, mit meinem Beruf als Möbelschreiner, einen humanitären Einsatz machen? Mit dem Unfall kam dann aber alles anders. Es kam für mich nicht mehr in Frage. Meine grösste Sorge war eine Umschulung und eine Neuintegration in die Berufswelt.
Was aber aktuell blieb, war mein grosser Wunsch, zu reisen und die Welt zu entdecken. Eine Reise mit dem Auto, die Panamerikana entlang durch Nord- und Südamerika, war nur ein Traum von vielen meinen Träumen. Für diese Reisen sparte ich.
Roni: Ich hatte schon immer den Wunsch, durch einen Einsatz mit eigener Muskelkraft, sei es Gehen oder Fahrrad fahren, Geld zu sammeln für humanitäre Zwecke in Südamerika. Menschen, die so etwas machten, haben mich immer fasziniert. Diese Form des aufmerksam machen auf Notsituationen, des Bewusstmachen auf die Schicksale anderer Menschen, des direkten Vermittelns ans Publikum, war für mich stimmig. Aber wie komme ich als einfache Südamerikanerin dazu, so etwas umzusetzen? Wie kann ich mir ein Kontaktnetz aufbauen? Wer würde mich unterstützen? Immer mehr bekam ich den Eindruck, dass es ein unerreichbarer Traum bleiben würde.
Als ich Bruno kennenlernte, stellte ich gerade diesen Traum ganz auf die Seite. Ich suchte Wege, wie ich mich einer Stiftung anschliessen konnte, um auf diesem Weg trotzdem auf gewisse Art irgendwo in Südamerika mitwirken zu können.
Bruno und ich hatten die Angewohnheit, an den Feierabenden und Wochenenden ausgedehnte Wanderungen in die Natur zu unternehmen. In der Natur fühlten wir uns wohl, konnten unbeschwert miteinander reden, lernten uns besser kennen und kamen uns auch in unseren Träumen näher.
Bruno: Als Roni mir von ihrer humanitären Arbeit erzählte, war ich wohl sehr interessiert, aber ich konnte es mir in dem Moment nicht vorstellen, mit ihr die Schweiz zu verlassen, um irgendwo an Ort und Stelle tätig zu sein. Die grosse Frage war in unseren Gesprächen, wie kann ich meinen Drang, zu reisen, mit Roni ihrem Wunsch, für einen humanitären Zweck Geld zu sammeln, verbinden?
Wir gestalteten zusammen an einer Pinwand eine Visionstafel, die wir im Schlafzimmer aufhingen. Auf dieser Visionstafel behafteten wir Fotos von Orten, die wir gerne besuchen wollten, Ideen und Wünsche, die wir erleben wollten und auch viele mutmachende Sprüche kamen dazu. Es verging ein Jahr, wo keine konkrete Idee entstand, aber wir beobachteten, dass wir uns auf der Visionstafel in unseren Wünschen immer näher kamen. Es entstand der erste Routenplan für eine gemeinsame Fahrradreise. Unser Ziel war es, bis 2015 zu arbeiten und dann loszulegen.
Roni: Als selbstständig schaffende Kunsttherapeutin stand ich vor der Entscheidung, ab 2010 krankenkassenanerkannt zu arbeiten. Mir war bewusst, dass damit eine grosse Verantwortung, mehr Arbeitspensum und auch finanzielle Verpflichtungen auf mich auf zu kamen. Innerlich fühlte ich mich aber dafür noch nicht bereit. Auch war die Angst da, dass ich mir durch so ein Ausmass an Verantwortung die Umsetzung der Fahrradreise versperrte. Bruno und ich fingen von neuem an, in endlos langen Diskussionen herauszufinden, in welche Richtung wir uns bewegen wollten. Als der Frühling 2009 ins Land kehrte, war auch unser Projekt „On the road 4 health“ entstanden.
Bruno: Wieder einmal sassen wir auf dem Balkon und diskutierten unsere Zukunftspläne. Ich sagte zu Roni: „Komm, wir gehen mal ins Internet und surfen uns durch verschiedene Stiftungen. Vielleicht stossen wir auf die richtige, für die wir Geld sammeln könnten.“ Doch nichts passte uns. Am nächsten Tag kommt Roni mit einem Artikel aus der Gratiszeitung LUZERNER NACHRICHTEN und erzählt von einem gewissen Coca Merdan aus Littau, der einen ganzen Samstag lang Kebab und Pizza zum Verkauf anbietet und den gesamten Gewinn ans SRK (Schweizerisches Rotes Kreuz) abgibt. Wir gingen an dem Samstag nach Littau, genossen einen schmackhaften Kebab und sprachen mit der Verantwortlichen vom SRK. Diese gab uns den Rat, uns an das Hauptbüros in Bern zu wenden.
Jetzt surften wir gezielter und besuchten die SRK-Projekte in Südamerika. Dort stiessen wir auf den Namen Volker Sitta. Plötzlich ruft Roni laut: „Den kenn ich ja!“ Sie erinnerte sich daran, dass sie diesen Mann durch ihre Arbeit in Paraguay kennengelernt hatte und wusste, dass er beim SRK tätig sei. Wir wussten damals aber noch nicht, dass Herr Sitta der Programmverantwortliche aller SRK-Projekte in Lateinamerika ist. Ich sagte ihr: „Genau dem müssen wir unsere Idee mitteilen. Der wird sich sicher die Zeit nehmen, auf uns einzugehen, weil er Dich schon kennt.“
Roni: Also schrieb ich ihm. Welch eine Überraschung, als wir erfuhren, dass genau er der Programmverantwortliche ist. Es entstand ein reger Briefkontakt. Weil er über Pfingsten in die Schweiz kam, konnte er unsere Idee persönlich an der Fachstelle in Bern vorstellen. Es wurde von beiden Seiten Kontakt aufgenommen und der erste Sitzungstermin abgemacht. Dieser war Ende Juli. Erst an dieser Sitzung erhielten wir die definitive Bestätigung, dass sie mit unserer Idee einverstanden sind und uns mit Werbung und Logistik vor Ort unterstützen werden.
Bruno: Ja, somit wurde alles plötzlich definitiv. Anstatt 2015 starten wir jetzt im 2010. Ich werde meinen Job kündigen und Roni wird für 3 Jahre ihre Praxis schliessen. Für uns heisst das, dass wir 3 Jahre lang nichts verdienen und alles selber finanzieren. Dies verlangt eine gründliche Budgetplanung, denn Krankenkasse, AHV und Grundversicherungen müssen weiterlaufen.
Auch wenn ich mich riesig freue, habe ich einen grossen Respekt. Ich kann im Voraus nicht beurteilen, ob ich mit meiner Prothese alle Strapazen bewältigen werde. Auch weiss ich nicht, ob ich alle Pässe schaffe. Ich bin bereit, den Bus zu nehmen, wenn ich an meine Grenzen komme.
Roni: Ich las vor einigen Monaten, dass ein Traum dann in Erfüllung geht, wenn man aufhört, zu träumen. Genau das erlebe ich jetzt. Die Tatsache, dass es in 6 Monaten soweit ist, hält wach. Ich schwanke zwischen Vorfreude, Vorbereitungsstress, Ängsten und Zweifel. Und doch bin und bleibe ich überzeugt, dass ich genau das mache, was ich mir wünsche. Ich freue mich drauf, mit Bruno diese herausfordernde Aufgabe anzugehen.

Geschrieben am 24.10.2009

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